Donnerstag, 23. November 2017

"Von der Rolle" - Über Frauendarstellungen und Mannsbilder in der Archäologie

Jana Esther Fries, Doris Gutsmiedl-Schümann, Jo Zalea Matias, Ulrike Rambuscheck (Hrsg.)

Images of the Past
Gender and its Representations

Frauen – Forschung – Archäologie, Band 12
(Münster: Waxmann 2017)
 228 Seiten, br., mit farbigen Abbildungen
 
29,90 €, ISBN 978-3-8309-3709-8
E-Book: 26,99 €, ISBN 978-3-8309-8709-3



Rezension von Miriam Steinborn

In der Reihe Frauen – Forschung – Archäologie ist der 12. Band „Images of the Past. Gender and its Representations“ erschienen, der auf Tagungssessions auf der EAA 2014 unter dem selben Titel sowie der AG Geschlechterforschung 2013 mit dem Thema „Gender in Museums“ basiert. Dieses Buch handelt auf seinen knapp 200 Seiten vorwiegend von Frauenbildern und den Gründen, warum sie dargestellt werden, wie sie dargestellt sind. Es sind dabei nicht nur die Bilder, die in Texten suggeriert werden, sondern vielmehr optische Illustrationen, in denen Rollenbilder oftmals unreflektiert abgebildet und rezipiert werden. Sie tragen wesentlich zur Vorstellung von Forschenden und Laien bei, wie die Lebensumstände in der Vergangenheit waren. Der Band in englischer und deutscher Sprache behandelt damit ein epistemologisches Kernthema der Frauen- und Geschlechterforschung, nämlich welche modernen Vorstellungen auf die vergangenen sozialen Verhältnisse projiziert werden.

Im ersten Teil des Buches stehen die Idee geschlechtsspezifischer Eigenschaften, ihre Darstellung und mögliche Gründe dafür im Fokus. Spannend wird dies im Hinblick auf die Medien, die behandelt werden: Neben archäologischen Publikationen werden auch Inhalte von Jugendsachbüchern und „neuen“ Medien untersucht.
Die ersten beiden Beiträge hinterfragen den Umgang der Forschenden mit ihrem Verständnis vergangener Rollenbilder und die Folgen für die Kommunikation der Forschungsinhalte. C. Belard stellt in diesem Zusammenhang Darstelllungen auf eisenzeitlichen Objekten vor, die vermeintlich festgeschriebene Rollenverteilungen relativieren, während C. Trémeaud die Praxis ankreidet, wissenschaftliche Inhalte durch attraktive, gar sexualisierte Frauendarstellungen zu bewerben.
Mit den Bereichen von Fernsehen und Computerspielen werden dagegen weniger traditionelle Felder der Präsentation archäologischer Inhalte beschritten: G. Koch beschreibt in seinem Beitrag in einem Rückblick über 30 Jahre Fernsehgeschichte, wie in der medialen Präsentation populärwissenschaftlicher Inhalte auch gesellschaftliche und politische Vorstellungen an ein breites Publikum vermittelt werden. Anhand von Dokumentationen über pleistozäne Menschen führt er aus, wie traditionalistische stereotype Vorstellungen vermittelt werden, die eine natürliche soziale Ordnung mit dichotomen Rollenbild und heteronormativen Familienkonzept suggerieren – auch wenn dies in vielen Bereichen nicht mehr der akademischen Forschungsmeinung entspricht.
Relativ neu im archäologischen Fachdiskurs und voll in der aktuellen Diskussion der Medienwissenschaften ist R. Sycamores Beitrag über die Darstellungen von (archäologischen) Protagonistinnen in Computerspielen, die niedrigschwellig ein sehr großes Publikum erreichen. Sie analysiert die Relevanz weiblicher Charaktere im Gameplay und ihre visuelle Darstellung und stellt sie den männlichen Darstellungen gegenüber. Für die archäologische Vermittlung ist dies insofern relevant, als dass die Spielenden durch die Charaktere die „fictionalised visions of ancient society“ in einer realistisch scheinenden Kulisse (S. 95) erleben. Wie bei Bildern oder Videosequenzen ist es in ihrer Betrachtung ohne Hintergrundwissen kaum möglich, die künstlerischen Freiheiten von der archäologischen Datengrundlage zu trennen.
Auch die Darstellung vergangener gesellschaftlicher Verhältnisse in Jugendsachbüchern wird kritisch beleuchtet, weil ihnen Objektivität und Bildungscharakter zugeschrieben wird. K. Fält setzt sich hier mit der Wiedergabe von Männern im Mittelalter, insbesondere von Rittern und Wikingern, auseinander, in deren Fokus die körperliche Leistungsfähigkeit im Kampf und meist überwiegend männliche Gemeinschaften stehen – Männer, die Geschichte machten. Diese Idee historischer Lebenswelten wird recht früh in den Köpfen der Kinder und Jugendlichen angelegt, und umso wichtiger sollte es sein hier sorgfältig auf die Bilder zu achten, die erzeugt werden.

Der zweite Teil des Buches umfasst einige Beiträge der AG Geschlechterforschung-Session 2013 und widmet sich Darstellungen in Museen als grundlegende Kommunikationsfläche der Altertumsforschung. L. Prados Torreira und C. López Ruiz beobachten, dass in Spanien bisher kaum geschlechtergerechte Schauen eröffnet wurden, obwohl Frauen hier seit langem Ausstellungsmacherinnen sind. Sie sehen das darin begründet, dass Museen oft den historischen Diskursen folgen, in denen Männer gestaltende Kräfte sind. Sie betonen, dass die gesellschaftliche Aufgabe der Museen eigentlich darin liege, verschiedene Perspektiven aufzuzeigen und stellen Möglichkeiten vor, wie dies zu erreichen wäre. Weitere Beiträge umfassen konkret die Präsentationen sowie die Kulturschaffenden dahinter im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, dem Landesmuseum Württemberg, dem Museum im Deutschhof in Heilbronn und dem paläon - Forschungs- und Erlebniszentrum Schöninger Speere. Neben dem Schwerpunkt der ausgewogenen Darstellung männlicher und weiblicher Akteure werden auch Visualisierungen anderer sozialarchäologische Themendarstellungen angerissen, wie Alter, Kindheit und gesellschaftliche Stellung. 

Insgesamt erfüllt „Images of the Past. Gender and its Representations“ das Anliegen des Vereins FemArc und damit der Herausgeberinnen der Reihe Frauen – Forschung – Archäologie, da die Inhalte von Frauenforschung, feministischer Archäologie und Geschlechterforschung vertreten sind. Die Beiträge konzentrieren sich mehrheitlich auf Frauendarstellungen und wurden überwiegend von Forscherinnen verfasst - nur einer entstammt der Feder eines Mannes.
Man kann dies als gerechtfertigte Kompensation der nachhaltigen narrativen Wirkung des forschungshistorischen Androzentrismus auffassen. Es stimmt indes im Hinblick der Forderung einer geschlechtersensiblen Forschung auch nachdenklich, denn in dem gesamt sehr feminin gehaltenen Buch werden Themenaspekte der Maskulinität überwiegend als Kontrastpunkt oder kritisierte Praxis genannt. Dies erfordert bei den männlichen Lesern unter Umständen ein gewisses Maß an disziplinierter Objektivität. Dennoch sollte man(n) sich davon nicht demotivieren lassen: Zwar werden zum Großteil Frauenrollen behandelt, doch im Kern geht es um eine geschlechterbewusste, differenzierte Sicht auf biologisches und kulturelles Geschlecht, die Erforschung sozialer Praxis in der Vergangenheit, eine Revision der Idee traditioneller Arbeits- und Rollenverteilung und damit um die Frage, wie man sich der gewesenen Realität wissenschaftlich unvoreingenommen nähert und stereotype Narrative überwindet. L. Prados Torreira und C. López Ruiz fassen die thematische Relevanz treffend zusammen (S. 128): „gender studies perspective (…) is essential to understand our past from an inclusive perspection, and it is crucial to achieve equal education.“ 

Als derzeit aktueller gesellschaftlicher Diskurs sollte die Darstellungsthematik in das Tagesgeschäft der Wissenschaftskommunikation integriert werden. Dieses Buch bietet einen guten Einstieg für Gelehrte der Altertumskunde und Kulturschaffende, sich in übersichtlichen Beiträgen den gender-studies zu nähern. Die Artikel greifen durchaus theoretische Debatten auf und nennen grundlegende weiterführende Literatur, bleiben aber in Text und Abbildungen sehr konkret und praxisbezogen.

Dienstag, 21. November 2017

Erstmals Tübinger Förderpreis für Historische Archäologie ausgeschrieben

In diesem Semester wird zum ersten Mal der Tübinger Förderpreis für Historische Archäologie ausgeschrieben. Durch den Preis soll der wissenschaftliche Nachwuchs insbesondere in der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit gefördert werden.

(Foto: R. Schreg/RGZM)

Er wurde gestiftet von Prof. Dr. Dr. h. c. Barbara Scholkmann, bis 2007 Inhaberin der Professur für Archäologie des Mittelalters an der Universität Tübingen. Verliehen wird er von der Abteilung Archäologie des Mittelalters des Instituts für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters zusammen mit dem Verein zur Förderung der Archäologie des Mittelalters Schloss Hohentübingen.



Der
Verein zur Förderung der Archäologie des Mittelalters Schloss Hohentübingen und 
 die Abteilung Archäologie des Mittelalters des Instituts für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters der Universität Tübingen 
verleihen zum ersten Mal den *Tübinger Nachwuchsförderpreis für Historische Archäologie.
 
Ausgezeichnet werden herausragende und innovative Arbeiten von Nachwuchswissenschaftlern und Nachwuchswissenschaftlerinnen auf dem Gebiet der Historischen Archäologie, die einen erkennbaren Forschungsfortschritt angestoßen haben. Eingereicht werden können Studienabschlussarbeiten (Dissertationen und Masterarbeiten, ggf. Bachelorarbeiten) mit einer Bewertung von mindestens magna cum laude, bzw. Abschlussnote 1,3 sowie Publikationen der letzten 5 Jahre. 
Vorschläge können von Hochschullehrern und promovierten Fachwissenschaftlern eingereicht werden, im Falle von Studienabschlussarbeiten sind auch Selbstbewerbungen möglich.
Die Preissumme beträgt 2 000 Euro. Der Preis kann geteilt werden. 
Die Bewerbungsfrist endet am 28.02. 2018. 
Die Bewerbungsunterlagen müssen enthalten: 
- Begründung des Vorschlags für den Preis bzw. Begründung des Bewerbers/der Bewerberin, warum er/sie seine/ihre Arbeit für preiswürdig hält. 
- Masterzeugnis bzw. Promotionsurkunde 
- Curriculum Vitae 
- Zusammenfassung der Arbeit von max. 20 Seiten 
 - Nachweise über den Impact der Arbeit auf die Forschung (bei Nicht-Abschlussarbeiten) 
 
Bewerbungen müssen in digitaler Form an die folgende Adresse eingereicht werden: archmatue@gmx.de





Donnerstag, 16. November 2017

Die Ehre des Antikenhändlers

Begonnen hat alles mit einer Verkehrskontrolle, bei der der Polizei ein byzantinisches Öllämpchen verdächtig vorkam. Gefunden wurde es im Auto des Kunsthändlers Ali Aboutaam, der zusammen mit seinem Bruder Hicham zu den bedeutendsten Antikenhändlern gehört. Sie führen die Phoenix Ancient Art Gallerie mit Sitz in Genf und New York.
Die Behörden stießen bei den folgenden Ermittlungen in Genf auf ein Depot von antiken Funden, deren Wert auf 50 Millionen Schweizer Franken geschätzt wurde. Kurz darauf versuchten Ali Aboutaam, seine Frau und sein Fahrer, Objekte aus dem Lager "an einen sicheren Ort" zu bringen - und wurden dabei von Überwachungskameras gefilmt.
Gebäude des Genfer Freihafens
(Foto: MHM55 [CC BY SA4.0] via WikimediaCommons)

Alis Ehefrau und Chauffeur wurden nach der misglückten Räumung verhaftet  und - was Ali heute betont - erst frei gelassen, als er auf eine Revision gegen ein Gerichtsurteil verzichtet habe, das Ihn zur Rückgabe eines antiken Sarkophags an die Türkei gezwungen hat. Schon 2010 waren im Freihafen von Genf drei antike Sarkophage vom Zoll sicher gestellt worden. 2014 wurden zwei nach Gerichtsverhandlungen dem Händler zugesprochen, einer aber musste nach einem Fachgutachten, das die Herstellungsregion recht genau bei Antalya lokalisieren konnte, an die Türkei zurück gegeben werden, was auch öffentlichkeitswirksam im Juni 2017 geschah. Als Provenienz des Sarkophages wurde Sleiman Aboutaam, der Vater der beiden Brüder Ali und Hicham angeführt, der 1968 die heute in Genf und Manhattan ansässige Phoenix Ancient Art Gallerie gegründet hatte. Sleiman Aboutaam ist bei dem Absturz des SwissAir Fluges SR111 im September 1998 umgekommen (wikipedia mit Gerüchten um die angebliche Fracht von Gold und Diamanten an Bord dieses Flugs).
In der Vergangenheit waren beide Brüder bereits in Fälle verwickelt, bei denen der Verdacht der Antikenhehlerei im Raum stand:
2004 gab Hicham Aboutaam vor Gericht sogar zu, Papiere gefälscht zu haben, die die Provenienz eines antiken silbernen Greifengefäßes aus dem Iran verschleierten und stattdessen eine Herkunft aus Syrien  belegen sollten, woher damals Importe in die USA einfacher zu bewerkstelligen waren.
Die Brüder weisen solche Anschuldigungen in einem Artikel von LeTemps weit von sich. In diesem wie in früheren Fällen gab Hicham Aboutaam stets an, nichts mit den kriminellen Aktivitäten zu tun zu haben, sondern nur im Dienste seiner Kunden gehandelt zu haben. Ermittlungen gegen Ali Aboutaam in Ägypten - und ein inzwischen wieder aufgehobenes Urteil zu 15 Jahre Gefängnis - seien auf Betreiben neidischer Konkurrenz zustande gekommen. 2009 war Ali Aboutaam in Bulgarien wegen eines von Ägypten veranlassten internationalen Haftbefehls festgenommen, aber mangels Auslieferungsvertrag zwischen den Staaten freigelassen worden.

Gegenüber Le Temps betont Ali Aboutaam, dass die Tatsache, dass sich unter den in Genf sicher gestellten Objekten auch eine unrestaurierte Statue aus Syrien oder dem Irak befindet, nichts beweise, denn das sei seit 20 Jahren ein Trend des Marktes."

Der in New York ansässige Bruder  Hicham Aboutaam wehrt sich unterdessen gerichtlich, mit Antikenhehlerei und Terrorfinanzierung in Verbindung gebracht zu werden.Er geht gerichtlich gegen das Wall Street Journal vor, das im Mai 2017 darüber berichtet hatte, dass Schweizer Behörden nach dem Fund eines antiken Öllämpchens Ermittlungen aufgenommen haben.
In der Klageschrift gegen das Wall Street Journal, das diesen Verdacht schon im Mai 2017 ausgesprochen hatte, betont Hicham Aboutaam, nie in den Handel mit geplündertem Kulturgut involviert gewesen zu sein und betont seine Integrität.  Durch den Artikel, der über die Ermittlungen schweizer, französischer, belgischer und US-amerikanischer Behörden und einen Zusammenhang mit der Terrorfinanzierung berichtet habe, sei seine Reputation geschädigt, da daraufhin das Toledo Museum of Art eine Spende von 50.000$ zurück gewiesen hätte.
Interessanterweise bleibt im Bestreben, die eigene Lauterkeit darzustellen ein Fall unerwähnt, bei dem Hicham Aboutaam bei der Wiederauffindung einer sumerischen Statue geholfen hat, die während des Irak-Kriegs aus dem Nationalmuseum in Bagdad gestohlen wurde.

Literaturhinweis

  • Amineddoleh, Leila Alexandra, Phoenix Ancient Art and the Aboutaams in Hot Water Again (2009). Spring 2009, Vol. I, Issue No. V Art & Cultural Heritage Law Newsletter of the Art & Cultural Heritage Law Committee of the ABA Section of International Law. Available at SSRN: https://ssrn.com/abstract=2370731

Montag, 13. November 2017

A decapitated Persian warrior

Recently an article in the New York Times reported of a police raid at the European Fine Art Fair (TEFAF) in New York last week:
The European Fine Art Fair at the Park Avenue Armory is an elegant event during which wealthy collectors browse through booths of stunning art pieces, from ancient sculptures to works by early 20th-century masters.
So it raised a few eyebrows on Friday afternoon when two prosecutors and three police officers marched into the armory at 2 p.m. with stern expressions and a search warrant, witnesses said.
A few minutes later, cursing could be heard coming from a London dealer’s booth, breaking the quiet, reverential atmosphere.
On order of New York prosecuting attorney Cyrus Vance jr., the police seized the ancient Persian relief of a warrior, which has been illegaly exported from Persia todays Iran. 

According to TEFAF New York Fall, the Rupert Wace Ancient Art in London  is "one of the top dealers in the field". Among their clients is the British Museum, the Louvre in Paris, the Metropolitan Museum of Art in New York, the Museum of Fine Arts in Boston, the Antiken Museum Basel and "the Staatliche Museum, Munich".
The piece is well known to scientists, as it is part of the famous Apadana reliefs from Achaemenid site of Persepolis. In the past, the object was repeatedly discussed in the Art Crime Blog.

Excavation and restoration at Persepolis

The provenience of the relief is well known with only some gaps. 1935 it was still in the Apadana palace in Persepolis. It was excavated in 1930 and part of a restoration program in 1933.
Photographs freely available in the web, taken in the early 1930s show the now seized warrior as part of a balustrade close to the eastern stairs of Apadana palace in Persepolis. One of the pictures even shows its restauration in 1933.

Relief during restoration in 1933. The now seized warrior can be seen on the left of the wooden blank.
(picture: Courtesy of The Oriental Institute der University of Chicago, Photo 61379/ Neg.Nr. 41057
https://oi-idb.uchicago.edu/id/f8395971-9cba-42c1-807e-90e2d11e52f4)


The eastern stairs at the Apadana palace in Persepolis 1933.
Within the relief the now seized warrior is situated leftof the dark hole.
(Foto: Courtesy of The Oriental Institute der University of Chicago, Photo 23188/ Neg.Nr. 12822
https://oi-idb.uchicago.edu/id/bec348b2-7e3c-49fd-8fd6-e9f057c92c4e)

High resolution pictures, kindly provided by the Oriental Institute of the University of Chicago allow us to compare the damages in detail and to verify the identification. Speculation, the relief could be a fake, is surely wrong (http://paul-barford.blogspot.de/2017/10/us-court-suspends-auction-of-ancient.html).


detail of previous picture
(Courtesy of the Oriental Institute of the University of Chicago)
detail of previous picture
(Courtesy of the Oriental Institute of the University of Chicago)

Achaemenid relief of guard in Montreal Museum of Fine Arts
(picture: press release The Globe and Mail  via Wikipedia)

More detailed photographs of the seized relief:

The first robbery

As provenience of the relief TEFAF refers to the Canadian millionaire and collector Frederick Cleveland Morgan (wikipedia), who gifted the piece to the Montreal Museum of Fine Art in 1950. Cleveland Morgan was a volunteer curator at the museum and contributed more than 7000 objects to its collection. The first robbery has to be dated therefore between 1933 and 1950. Pictures from later restoration in the late 1960/early 1970s show a rectangular gap, where the relief has been sawn out probably by a machine. Currently the original location is not open to the public.
As the export of antiquities was forbidden in Persia since 1930 the export of the relief has to be illegal, if there are no officialpapers available.
It is interesting to see, that Frederick Cleveland Morgan maintained good contacts with Arthur Upham Pope (wikipedia), who was a renowned expert of Persian Art and deeply involved in the trade with Persepolis reliefs in the early 1930s.

Paul Barford illustrates how the relief has probably been cut out of the wall.In fact, pictures of a restoration in the late 1960s/early 70s show rectangular cuts instead of the missing piece.

The second robbery

During the opening hours at 3rd of September 2011 the wall-mounted relief was stolen from the museum in Montreal. A few weeks later, a Roman-Egyptian marble statuette was stolen probably by the same thief. Museum, police and the assurance company made this public only some months later. They offered a sgnificant reward, and published a wanted poster as well as a sequence of their surveillance video.
Whereas the marble is still missing today, the warrior relief was discovered in a cheap shelf between stuffed animals and plastic star wars figurines in a private apartment in Edmonton. A 33-year old man  According to Wikipedia (whose cited sources don't have this information!), the relief was visible occasionaly in a video, shoot by TC-channel CBS, who interviewed the inhabitant, a 33 year old man, who worked as a yoga teacher. Considering it was a good replica, he bought the object fo 1400$ from a friend of a friend. In fact, the value of the relief was estimated at around 1,2 Mio $, probably around the sum, which the museum got from the assurance company.

Money, no ethics

When the relief was returned to the museum, its board decided to keep the assurance money. They transferred the warrior to the assurance company, which offered him on the art market. In 2016 the object was at the Frieze Fairs in London priced 2,2 Mio £, offered by an art dealer, who is normally specialized in medieval art and manuscripts. However Rupert Wace declared that he bought the warrior directly from the assurance company.

Persepolis reliefs

Persepolis is probably the most prominent archaeological site in modern Iran. It has a very high meaning for the national identity. The reliefs date to the late 6th and 5th. c. BC. They depict warrior and guards but as well as delegates of the conquered nations.  Excavations and restoration have been conducted by German, American and Italian teams. Since 1979 Persepolis, former capital of the Achaemenid Persian Empire is part of the UNESCO world heritage.

Even in more recent times, the Persepolis reliefs suffered from damage. There are many parts of the Persepolis reliefs in western museums in Europe and Northern America. A small number has been brought out of the country already in the 19th century before systematic excavations started. In the 1920s, the looting of the site increased. Therefore an antiquities law was enacted in 1930 prohibiting the export of archaeological finds.
However, the looting continued and there are good reasons to suppose, that prominent archaeologists were involved. Arthur Uphan Pope, author of several volumes on Persian Art had good contacts with art dealers and there is also evidence for relations to Frederick Cleveland Morgan, who has donated the warrior relief in question to the Montreal museum. In 1934 Ernst Herzfeld, who assisted the Persian government with the creation of the Antiquities Act and was responsible for the excavations based in Chicago university, was banished from Persia. This was probably the result of intrigues, which intended to replace him by someone, who was more open for exporting artefacts. Rich financial supporters of excavations often got precious finds as presents.

Another relief from Persepolis was offered in 1971 by Sothebys and 2005 by Christies. It has been smuggeled from Iran before the 1970 UN-convention on cultural heritage. This convention invented some rules for international trade but neglected earlier restrictions of the exporting countries. Repeated invention of even later due dates as in the German Kulturgüterschutzgesetz are an attempt to legalize even more recently looted material Therefore Iran was not successful in claiming the repatriation of the relief offered in 2005.
In the face of the weak law enforcement, lootng is still profitable.When in 2006 a film team damaged two warrior reliefs at the site of Perspeolis by iron tools, there was soon the suspicion, that they attempted to steal the  reliefs.


Lessons by the decapitated warrior

The recent case is meaningful by various reasons:

  1. As it is documented, that the relief was still at the site in the early 1930s, it is clear, that it has been brought out of the country illegally.
  2. Investigation and securing concern a case going back for several decades, signalizing that export restrictions by exporting countries have to be respected by traders. The common practice of referring to the last owners is insufficient. The case has some chances to become a test case. James Ratcliffe, director of the art loss register questions whether a repatriation claim by Iran can be successful, whereas the object was publicaly displayed since the 1950s.
  3. The fact, that a simple internet research allows us to verify the original situation of the relief, demonstrates that the commitment of the art trade to carefully investigate proveniences is by far not sufficient. Especially TEFAF claims to value the legal provenience of its antiquities. Obviously their understanding of legal trade neglects the restrictions of the exporting countries, which in general go far back before the UN convention.
  4. The idea, that archaeological artefacts were better preserved in Western museums than in their countries of origin is not only colonialist, but also wrong, because their removal represents in most cases an irreparable damage to the historical contexts, which are crucial for their nature as historical data. The present case clearly demonstrates, that the art work was destroyed by the demand of western collectors for nice portable pieces. The head was cut out of the architecture by force. Furthermore the western museum was neither able to protect the relief from being stolen, nor was it interested in taking over his responsibility.
  5. The case highlights, that repatriation of finds is not the solution for the problem. The problem is the looting of the sites, which is triggered by the market demand. The problem is not the legal question of ownership, but the destruction of scientific and historical data by the removal of objects. In the present case, where a very prominent site has been looted (possibly under the cloak of restoration works), there is the extraordinary situation, that the finds have been documented, before they have been brought out of the country. Therefore in this specific case a restoration would be possible. However, it is also obvious, that the looting substantially damaged previous restoration work.
  6. Finally the case clearly contains the political message, that the USA is commited to the protection of cultural heritage - even after leaving the UNESCO. In the Trump era this is not a matter of course any more (comp. Archaeologik v. 12.10.2017). It's probably remarkable, that it is the justice making that case, which is not only in contrast to Trumpian cultural policies. Investigating in the interest of the state of Iran is also opponent to the current foreign affairs of the Trump administration, which currently puts all recent progress in good bilateral relations between US and Iran at risk.


Bibliography

  • M. G. Majd, The great American plunder of Persia's antiquities, 1925-1941 (Lanham, Md. 2003). 
  • L. Allen, 'The Greatest Enterprise': Arthur Urphan Pope, Persepolis and Achaemenid Antiquities.  In: Y. Kadoi (ed.), Artur Upham Pope and A New Survey of Persian Art (Leiden, Boston: Brill 2016) 127-167

This is en extended English version of the German blogpost Persischer Krieger mehrfach geklaut und jetzt beschlagnahmt. Archaeologik (2.11.2017)

    Donnerstag, 9. November 2017

    Indiana Joan - internationale Reaktionen

    Die heroische Darstellung der Plünderungen einer mittlerweile 95 Jahre alten australischen Diplomatengattin in der Zeitung The Westaustralian (siehe Archaeologik 5.11.2017) hat international zahlreiche empörte Reaktionen hervorgerufen.
    (Foto:voteprime [CC BY-NC-SA 2.0] bei flickr)

    • Offener Brief der ägyptischen Kollegin Monica Hanna an den australischen Botschafter in Ägypten via facebook:



    • Offener Brief der Australian Archaeological Association via facebook:



    Nachträge

    (9.11.2017)

    Interner Link

    Sonntag, 5. November 2017

    Australische Diplomatengattin plündert den Vorderen Orient - und ist auch noch stolz darauf

    und die Presse feiert Sie:
    Auch in den 1960er Jahren war es in den meisten Staaten des Vorderen Orients verboten, Antiken zu exportieren. Joan Howard nutzte den Diplomatenstatus ihres bei der UN tätigen Mannes aus. Die australischen Strafverfolgungsbehörden sollten hier dringend Ermittlungen aufnehmen. Eine Rückgabe wird die Schäden am historischen Quellenwert nicht wieder gut machen, aber wenigstens die Ungerechtigkeit des Raubs anerkennen. Der bereits lauernde Händler, sollte jedenfalls wissen, dass er es mit unethischer Ware zu tun hat.

    Der Fall erinnert mal wieder an Herrn Thoma:

    Donnerstag, 2. November 2017

    Persischer Krieger mehrfach geklaut und jetzt beschlagnahmt

    Ein Artikel der New York Times schildert süffisant die Razzia auf der European Fine Art Fair (TEFAF) vorige Woche:
    Die European Fine Art Fair im Park Avenue Armory ist eine vornehme Veranstaltung, bei der reiche Sammler Stände mit erstaunlichen Kunstwerken von antiken Skulpturen bis hin zu Meisterwerken des frühen 20. Jahrhunderts durchstöbern.
    Als, wie Augenzeugen berichten  am Freitag nachmittag zwei Kriminalermittler und drei Polizeibeamte mit ersnter Minen und Durchsuchungsbefehl in das Armory marschierten, kam es zu eingem Stirnrunzeln. Minuten später war lautes Fluchen aus dem Stand eines Londoner Kunsthändlers zu hören, das die ruhige ehrfurchtsvolle Atmosphäre durchbrach.

    The European Fine Art Fair at the Park Avenue Armory is an elegant event during which wealthy collectors browse through booths of stunning art pieces, from ancient sculptures to works by early 20th-century masters.
    So it raised a few eyebrows on Friday afternoon when two prosecutors and three police officers marched into the armory at 2 p.m. with stern expressions and a search warrant, witnesses said.
    A few minutes later, cursing could be heard coming from a London dealer’s booth, breaking the quiet, reverential atmosphere.
    Die Polizei beschlagnahmte auf Anordnung des New Yorker Staatsanwalts Cyrus Vance jr. das Relief eines persischen Kriegers, da es illegal aus Persien, dem heutigen Iran exportiert worden war. 

    Nach Angaben der TEFAF New York Fall ist die Rupert Wace Ancient Art in London "one of the top dealers in the field", zu deren Kunden das British Museum, der Louvre, das Metropolitan Museum of Art in New York, das Museum of Fine Arts in Boston, the Antiken Museum Basel und "the Staatliche Museum, Munich" zählen.


    Über das Stück hat beispielsweise der Art Crime Blog in der Vergangenheit schon mehrfach berichtet, so dass der Händler angesichts seiner Sorgfaltspflicht eigentlich kaum durch die Tatsache des illegalen Exports aus Persien überrascht sein konnte:

    Ausgrabung und Restaurierung in Persepolis

    Die Provenienzgeschichte des Stückes ist mit wenigen Lücken einigermaßen nachzuvollziehen. Noch 1935 befand es sich im Apadana-Palast in Persepolis an Ort und Stelle, wo es 1930 ausgegraben worden war. Danach tauchte es in der Sammlung von Frederick Cleveland Morgan, eines Privatmannes auf, der es in den frühen 1950er Jahren dem Montreal Museum of Fine Art in Montreal, Kanada schenkte. Da seit 1930 in Persien ein striktes Ausfuhrverbot galt, war der Export des Stückes ohne Papiere wie die Entfernung aus dem Fries mit Sicherheit illegal.

    Fotos aus den 1930er Jahren zeigen den jetzt sichergestellten Krieger in ihrem ursprünglichen Aufstellungsort.  Auf dem ersten Foto ist die Situation mit der östlichen Treppenanlage der Arpadana in Persepolis zu erkennen.

    Blick auf die östliche Treppenanlage der Apadana in Persepolis 1933.
    Im Vordergrund ein Kriegerfries, auf dem links der großen Lücke der Krieger zu erkennen ist, dessen herausgebrochener Kopf nun sicher gestellt worden ist.
    (Foto: Courtesy of The Oriental Institute der University of Chicago, Photo 23188/ Neg.Nr. 12822
    https://oi-idb.uchicago.edu/id/bec348b2-7e3c-49fd-8fd6-e9f057c92c4e)

    Nach den Ausgrabungen war der Fries aufwändig restauriert worden, wie ein weiteres Foto von 1934 erkennen lässt.
    Derselbe Relieffries während einer Restaurierung in den 1930er Jahren. Der betreffende Kopf ist links des Holzbretts zu erkennen.
    (Foto: Courtesy of The Oriental Institute der University of Chicago, Photo 61379/ Neg.Nr. 41057
    https://oi-idb.uchicago.edu/id/f8395971-9cba-42c1-807e-90e2d11e52f4)

    In einer höher aufgelösten Version der beiden Fotos, die das Oriental Institute der Universität Chicago freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat, sind die Details der Beschädigungen zu  erkennen, die eine Identifikation mit dem nun sichergestellten Relief belegen. 


    Ausschnitt aus dem obigen Bild
    (Courtesy of the Oriental Institute of the University of Chicago)
    Ausschnitt aus dem obigen Bild
    (Courtesy of the Oriental Institute of the University of Chicago)

    Kopf eines Kriegers
    nach einer Pressemeldung zum Museumsraub 2011
    (Foto: Pressemeldung The Globe and Mail  via Wikipedia)

    Der aktuelle Zustand ist auf folgenden Bildern zu erkennen:

      Der erste Raub

      Die Provenienzangaben verweisen auf den kanadischen Sammler Frederick Cleveland Morgan, dem Erben eines Millionenvermögens, der das Stück 1950 dem Quebec National Museum vermacht hat. Der erste Raub lässt sich damit auf die Jahre von Mitte der 1930er bis 1950 eingrenzen. Gewaltsam muss das Stück aus der 1933 noch deutlich größeren Platte herausgebrochen worden sein.
      Ein Bild der Balustrade, zu der das Stück gehört hatte, liegt mir nicht vor, der betreffende Bereich scheint heute für Besucher von Persepolis nicht zugänglich.

      Der zweite Raub

      Am 3. September 2011 wurde das an einer Wand aufgehängte Relief  während der Öffnungszeit aus dem Museum in Montreal gestohlen. Wenige Wochen später wurde offenbar durch denselben Täter ein römisches Marmorköpfchen gestohlen. Museum, Polizei und Versicherung gingen erst Monate später mit einem Fahndungsplakat und einem Video der Überwachungskamera an die Öffentlichkeit.
      Während das Marmorköpfchen bis heute verschwunden ist, wurde das Kriegerrelief schließlich zwei Jahre später in Edmonton im billigen IKEA-Regal eines 33-jährigen Mannes, gefunden wo es zwischen ausgestopften Tieren und StarWars-Figuren stand. Laut Wikipedia (dessen Quellenangabe diese Information nicht enthält), war das Relief zufällig auf Filmaufnahmen zu sehen, die der Sender CBS bei einem Interview mit dem als Yogalehrer tätigen Besitzer geführt hat. Er hatte es für 1400$ vom Frend eines Freundes gekauft und für ein gutes Replikat gehalten. Tatsächlich wurde das Stück auf 1,2 Mio $ geschätzt, wohl nicht ganz der Betrag, den das Museum zwischenzeitlich von der Versicherung kassiert hatte.

        Lieber Geld als das Relief

        Als das Relief schließlich wieder da war, entschied sich das Museum, lieber die ausbezahlte Versicherungssumme zu behalten und überließ das Stück der Versicherung, die es ihrerseits auf dem Kunstmarkt anbot. 2016 war das Stück auf der Frieze Fairs in London für 2,2 Mio £ angeboten worden, am Stand eines Händlers, der sonst eher mit mittelalterlicher Kunst seine Geschäfte macht. Dort scheint das Stück nur in Kommission gewesen zu sein, denn Wace hat es angeblich direkt von der Versicherung erworben.

          Reliefs aus Persepolis

          Auch in jüngerer Zeit kam es in Persepolis zu Beschädigungen der Reliefs am Apadana-Palast, die aus dem späten 6. Jahrhundert und dem 5. Jahrhundert v..Chr. stammend neben Kriegern und Wachen Delegationen der im Persischen Reich unterworfenen Völker zeigen. Die Fundstelle war Ziel deutscher und amerikanischer Ausgrabungen und hat für das moderne Persien/ den Iran eine große symbolische Bedeutung. Seit 1990 ist Persepolis, die ehemalige Hauptstadt des Persischen Reiches UNESCO-Weltkulturerbe.
          Relieffragmente aus Persepolis finden sich in vielen Museen in Europa und Nordamerika. Einige wenige sind schon im 19. Jahrhundert vor den systematischen Grabungen in Persepolis außer Landes gebracht worden. In den 1920er Jahren wurde kräftig geplündert, was dann schließlich zu einem strikten Exportverbot geführt hat, das aber, wie das fragliche Kriegerrelief zeigt, Zerstörung und Raub selbst in den restaurierten Partien nicht verhindern konnte.  

          2006 wurden zwei Kriegerreliefs während Filmaufnahmen mit Eisenwerkzeugen beschädigt worden, wobei der Verdacht geäußert wurde, dass sie herausgebrochen und gestohlen werden sollten.

          Ein anderes Relief aus Persepolis war 1971 bei Sothebys und 2005 bei Christies angeboten worden. Es soll ebenfalls vor 1971 aus dem Iran geschmuggelt worden sein.
          Die Ansprüche des Irans wurden in diesem Fall allerdings zurück gewiesen, da das Relief schon vor der Unterzeichnung der UN-Konvention durch die Großbritannien geklaut worden war und weil der Iran seine Ansprüche bei einer früheren Versteigerung nicht geltend gemacht hätte.

          Die Bedeutung des Falls

          Der neue Fall ist daher in mehrfacher Hinsicht von Bedeutung:
          1. Da sich das Relief an der Fundstelle noch zu Beginn der 1930er Jahre nachweisen lässt, ist klar, dass es illegal exportiert wurde - jedenfalls wenn man die Rechte der Herkunftsländer ernst nimmt - was aber durch die ganzen Fristenregelungen im Kulturgüterschutz  regelmäßig untergraben wird, wie auch im neuen deutschen Kulturgüterschutzgesetz
          2. Hier wird in einem Fall ermittelt und das Fundstück auch beschlagnahmt, bei dem der Diebstahl und die Zerstörung des Gesamtobjektes schon Jahrzehnte zurück liegt. Der Fall hat die Chance, zu einem Präzedenzfall zu werden, dass Eigentumsansprüche nicht erlöschen und dass sich Händler ihre Provenienzverfolgung nicht auf die letzten Vorbesitzer beschränken können. James Ratcliffe, Direktor der Datenbank für verlorene und gestohlene Kunstwerke, auf die TEFAF zurückgreift, verweist darauf, dass das Relief seit den 1950er Jahren öffentlich ausgestellt gewesen sei und es daher interessant sein wird, zu sehen, ob und wie sich eine Rückgabeforderung des Iran entwickle.
          3. Die Tatsache, dass recht schnell mit Bildern, die im Internet verfügbar sind, die ursprüngliche Situation des Reliefs geklärt werden kann, zeigt, was von der Sorrgfaltspflicht des Handels zu halten ist. Gerade die TEFAF legt angeblich großen Wert auf legale Stücke.
          4. Die Argumentation, dass archäologische Objekte im Westen sicherer seien, wird durch den Fall ad absurdum geführt: Zerstört wurde das Kriegerrelief dadurch, dass man den Kopf offenbar speziell in der Absicht, es einer Sammlung einzuverleiben, gewaltsam herausgebrochen hat. Schließlich wurde es einem Museum im Westen geklaut, das auch kein Interesse oder Verantwortung zeigte, es nach seiner Wiederentdeckung wieder in seine Obhut zu nehmen. Lieber hat man die Versicherungssumme angenommen.
          5. Deutlich wird auch, dass die Rückgabe solcher Objekte nicht die Lösung des Problems ist. Dieses liegt vielmehr in der Zerstörung archäologischer Substanz schon bei der Plünderung. In vorliegendem Fall, in dem eine prominente, bekannte Fundstelle beraubt wurde, ist ausnahmsweise einmal die ursprüngliche Provenienz nachweisbar. Der Schaden wäre hier dank der alten Dokumentation durch einen guten Restaurator einigermaßen reparabel, Dennoch ist damit deutlich auch ein materieller Schaden entstanden.
          6. Der Fall ist ein klares Signal, dass sich die USA auch nach dem Austritt aus der UNESCO zum internationalen Kulturgüterschutz bekennen - was in der Trump-Ära gewiss nicht mehr selbstverständlich ist. (vergl. Archaeologik v. 12.10.2017). Durchaus bemerkenswert ist auch, dass die Justiz in einem Fall aktiv wird, der den Iran betrifft, obgleich die politischen Beziehungen derzeit unter Trump wieder unter verstärktem Stress stehen.

          Literaturhinweis 

          • M. G. Majd, The great American plunder of Persia's antiquities, 1925-1941 (Lanham, Md. 2003). 
          • L. Allen, 'The Greatest Enterprise': Arthur Urphan Pope, Persepolis and Achaemenid Antiquities.  In: Y. Kadoi, Artur Upham Pope and A New Survey of Persian Art (Leiden, Boston: Brill 2016) 127-167

              Donnerstag, 26. Oktober 2017

              Klimawandel als denkmalpflegerisches Problem

              Parks Canada plant Maßnahmen gegen den steigenden Meeresspiegel, der Fort Louisbourg, einen für die Geschichte der französischen Präsenz in Kanada bedeutenden Platz, bedroht. Die Kosten werden mit 9.2 Millionen $ kalkuliert. 
              Der - unbestreitbare - Klimawandel hat Folgekosten auch in der Denkmalpflege.

              Fortress of Louisbourg National Historic Site
              (Foto: James Sherar [CC BYSA  3.0] via WikimediaCommons)

              Mittwoch, 18. Oktober 2017

              Der Aquaedukt auf der Betonbrücke


              Für die archäologische Denkmalpflege in Mainz ist die römische Wasserleitung seit langem ein Schwerpunkt. Von Westen kommend quert die im 1. Jahrhundert angelegte Wasserleitung auf Pfeilern (sog. Römersteine) das Zahlbachtal und erreicht dann das Kästrich-Plateau, auf dem das Legionslager lag. Dort wurden bereits 1928 bei der Erweiterung des Klinikums die Pfeiler freigelegt, aber schließlich im Boden belassen. Jetzt, beim Neubau der Zahnklinik wurden sie wieder freigelegt und sollen wiederum erhalten bleiben - allerdings ist dieses Mal ein Untergeschoß vorgesehen.

              Dafür wurde nun für 3,5 Mio € ein Betonkasten gebaut, der die konservierten Pfeilerreste in ihrer Originalposition hält.

              Die Einhausung des römischen Aquaedukts nach Mainz in der Oberen Zahlbacher Straße
              In einem eng begrenzten Betonkasten werden die Pfeiler des Aquaedukts in originaler Lage erhalten.
              (Foto: R. Schreg, 2017)

              Die Frage, inwiefern das eine sinnvolle Maßnahme ist, drängt sich auf. Der Standpunkt der Denkmalpflege, dass die Wasserleitung als Gesamtdenkmal gesehen werden muss, die man so lange anknabbern kann, bis nur noch einzelne Belegpfeiler übrig sind, ist sicher richtig. Denn die Linienführung der Wasserleitung ist ein ganz wichtiges Kriterium, um diese insgesamt zu verstehen.

              „Das Aquädukt ist in seinem gesamten Verlauf ein Kulturdenkmal. ... Der Erhalt von historischer Substanz ist sinnvoll, da sonst ein Denkmal immer stärker reduziert werden könnte - bis zum Schluss quasi nur noch ein 'Belegpfeiler' übrig bleibt. Es käme ja auch keiner auf die Idee zu sagen: Der Dom kann abgerissen werden, zwei Türme oder eine Wand genügen, um zu wissen, wie er gebaut ist.“ erklärte Dr. Marion Witteyer, Leiterin der Mainzer Dienststelle der Direktion Landesarchäologie der GDKE (Generaldirektion Kulturelles Erbe) Rheinland-Pfalz. Tatsächlich wurde die Wasserleitung in den letzten Jahren an verschiedenen Stellen bei Baumaßnahmen aufgedeckt, aber wohl in situ belassen.


              freigelegter Abschnitt des Aquaedukts in einem Abschnitt weiter westlich


              Allerdings argumentiert Witteyer weiter: „Künftige Generationen machen vielleicht etwas aus der Gesamtleitung. Wenn wir sie vorher teilweise zerstören, zerstören wir auch die Möglichkeit, etwas zu tun.“ - Das ist durchaus richtig, doch stellt sich die Frage, ob der Betonsarg genügend übrig lässt, um diese Möglichkeiten zu erhalten. Entscheidend ist, welche künftige Möglichkeiten das sein sollen, solche der bloßen Visualisierung oder auch solche der Forschung?

              Die Hoffung auf künftige neue Möglichkeiten ist in der Archäologie nicht unrealistisch, wie die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnten gezeigt hat. Wir verfügen nun über früher ungeahnte neue Methoden der Erfassung und Dokumentation, etwa in der Geophysik, der digitalen 3D-Dokumentation oder auch in der Geoarchäologie, die uns wesentliche Informationen über vergangene Landschaftszustände vermittelt. Immer war es dabei jedoch Voraussetzung, dass möglichst viel von der Originalsubstanz erhalten war. Restaurierte Pfeiler von ihrem Kontext isoliert in einem Betonkasten sind nicht gerade vielversprechend, dass damit künftig viel Wissenschaft zu betreiben ist. Georeferenzierte 3D-Modelle sind hoffentlich bereits jetzt angefertigt worden.
              Nun ist es allerdings so, dass es durchaus einige Fragen gibt, die man an die Wasserleitung  herantragen könnte und müsste. So wäre es nicht uninteressant, näheres über die Mikrotopographie des Aquaeduktes zu wissen.  Über was für ein Land führte die Wasserleitung hinweg? Ackerland oder Brachland? Gab es eine Nutzung unter den Brückenbögen des römischen Aquaedukts? Gab es eine begleitende Straße? Wo kreuzten Wege die Wasserleitungstrasse? Vielleicht könnte man sogar feststellen, ob das Aquaedukt dicht war, oder ob sich im Boden Feuchtigkeitsmarker oder Kalkanreicherungen lange nicht behobener Schäden finden.
              Es bestehen hier tatsächlich realistische Chancen, dass man in wenigen Jahren diese Fragen mit geoarchäologisch-bodenkundlichen Fragen wird angehen können - allerdings nicht innerhalb eines kleinen Betonkastens. Vielleicht wäre es daher sinnvoller gewesen, das Geld in entsprechende Forschungen zu stecken, als in eine Einhausung, die eben diese Chancen (wenn nicht bereits die Freilegungen von 1928 die relevanten oberen Bodenschichten abgetragen haben) verbaut. Geoarchäologiche Untersuchungen könnten schon heute mit der Analyse von Bodencheme und Biomarkern  erste Erkenntnisse zu den genannten Fragen liefern und ggf. gezielt an der Methodenentwicklung arbeiten, um wenigstens nach bestem Wissen entsprechende Beprobungen vorzunehmen, die ggf. erst einmal eingelagert werden müssen, ehe sie später untersucht werden können. Untersuchungen wären hier in einem Streifen beidseits des Aquaedukts notwendig, in eben jenem Bereich, der nun durch die Baugrube zerstört ist. 

              Es sscheint immer wieder ein Problem, dass wir Bodendenkmale (vielleicht aufgrund des Begriffs) als Monumente und Objekte misverstehen und dabei iihren Charakter als historische Quellen aus den Augen verlieren. Dieser Quellenwert wird maßgeblich durch den Kontext und die möglichst unberührte Originalsubstanz bestimmt.

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              Montag, 16. Oktober 2017

              Abriss-Versehen in Bayern

              Zwei aktuelle Fälle des Denkmalverlustes, die angeblich niemand wollte, die im Sommer 2017 aber dennoch passiert sind.

              München-Giesing: Abriss als Unfall?

              In Giesing, einem ehemaligen Bauerndorf, das sich schon früh zur Arbeitersiedlung wandelte und 1854 nach München eingemeindet wurde, wurde am 30.8./1.9. das Gebäude Obere Grasstrasse 1 abgerissen, das in der bayerischen Denkmalliste unter der Nummer D-1-62-000-4866 als "Ehem. Handwerkerhaus, zusammengesetzte Baugruppe bestehend aus einem erdgeschossigen, verputzten Massivbau mit Satteldach im Norden und einem zweigeschossigen, verputzten Massivbau mit Satteldach und großer Schleppgaube, im Kern um 1840/45, nach Kriegszerstörung 1944 wiederaufgebaut." gelistet war (BLfD Baudenkmäler München). Das Haus war Teil der sog. Feldmüller-Siedlung, die schon 1840 als Arbeiterwohnquartier entstand und ein wichtiges Zeugnis des sozialen Wandels in der frühen Industrialisierung darstellte. Die 1840 bis 1845 angelegte Feldmüllersiedlung war eine Kleinhaussiedlung, die abseits des bäuerlich geprägten alten Ortskerns entstand . In den 1980er und 200er Jahren flossen viele Gelder in eine Sanierung des Viertels. 

              München-Giesing, Obere Grasstrasse1
              (Foto. Rufus46 [CC BY SA 3.0] via WikimediaCommons)
              Angeblich versehentlich hat nun eine Baufirma das Gebäude abgerissen. Allerdings war am 30.8. ein erster Abrissversuch durch Anwohner und Polizei noch gestoppt worden, wonach die Bauarbeiter abends  aber zurückkamen und das Handwerkerhaus platt machten. Am 2.8. waren die Nachbarn darüber informiert worden, dass das Gebäude Obere Grasstrasse 1 demnächst saniert werden, aus Gründen des Denkmalschutzes aber "nach außen wie vorhanden erhalten bleiben" solle.
              Die Nachbarn gehen - offenbar mit guten Gründen - von einer bewussten  Zerstörung aus und demonstrieren auf vielfältige Weise gegen den Vorfall. Am 5.9. demonstrierten rund 200 Personen mit Fackeln gegen die Zerstörung des Denkmals, an dem eine Mahntafel angebracht wurde. Außerdem wurde ein Wikipedia-Eintrag zu dem zerstörten Baudenkmal angelegt (Wikipedia). Liedermacher Konstantin Wecker stellt den fall in den Kontext der Münchner Wohnungssituation und fordert die Bürger auf, sich zusammenzuschließen.

              Die Stadt will nun eine Verfügung erlassen, dass das Uhrmacherhäusl an der Oberen Grasstraße vollständig wiederherzustellen ist.  es soll verhindert werden, dass der illegale Abriss durch den Bau eines größeren Hauses dem Eigentümer Gewinn einbringt.

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              Obermainshof 1: Alle wollen erhalten - Abbruchgenehmigung als Unfall?

              In Neukirchen bei Sulzbach-Rosenberg in der Oberpfalz ist ein Bauernhaus legal abgerissen worden - nachdem überraschend die Genehmigung  erteilt worden war, noch ehe alle Optionen für eine Erhaltung ausgeschöpft waren.
              Der Obermainshof 1 in Neukirchen b.Sulzbach-Rosenbg ist im Verzeichnis der Baudenkmäler unter der Nummer D-3-71-141-22 als "Bauernhaus, ehem. Wohnstallhaus, eingeschossiger Bruchsteinbau mit Satteldach und Fachwerkgiebeln, 1533/34 (dendro.dat.)." (BLfD Baudenkmäler Neukirchen b.Sulzbach-Rosenbg.) verzeichnet.
              Bis 1977 wurde das Haus genutzt, danach wurde ein Neubau daneben gesettzt und das Gebäude verfiel.  2015 wurde erstmals der Abbruch beantragt Das Landesamt für Denkmalpflege und das Landratsamt als Untere Denkmalschutzbehörde bemühten sich daraufhin, eine Lösung zum Erhalt des Gebäudes zu finden. Dabei wurden Mittel für eine Notsicherung bewilligt, der Eigentümer hätte lediglich 4000 € beisteuern müssen; 90% wären als Zuschuss bewilligt worden.
              Die Eigentümerin lehnte dies ab, da das Probelm der auf ca. 2 Mio € angesetzten Sanierung damit nur aufgeschoben sei. 
              Ein Bericht bei ONetz/Oberpfalzmedien deutet an, dass das Haus keineswegs baufällig gewesen sei und der Abbruch nach erteilter Genehmigung überraschend schnell erfolgt sei.
              Dass praktisch über Nacht das Landratsamt die Abrissgenehmigung erteilt habe - und die Bagger praktisch schon in den Startlöchern standen, damit der Abbruch nicht mehr aufgehalten werden konnte. Ohne Not und Eile zu haben. Sie habe lange genug gewartet, wehrt sich die Eigentümerin. "Mir hat das auch leid getan", so beteuert sie. "Aber was blieb uns denn übrig?"
              Sie fühlt sich alleine gelassen von den professionellen Denkmalschützern mit ihrem Problemhaus: "Wenn es wirklich historisch so wertvoll war, dann finde ich doch eine Möglichkeit, um es zu erhalten", sagt sie in Richtung der Münchner Behörden. 
              In einer Stellungnahme konstatiert das BLfD "Zweifellos waren noch nicht alle Möglichkeiten zur Erhaltung des Bauernhauses Obermainshof 1 ausgelotet." und nicht ganz konsequent weiter: „Insofern wurde – wie gesagt nach gründlicher Abwägung der konkreten Umstände in dieser Angelegenheit und unter Einbeziehung der Stellungnahmen von Gemeinde und Kreisheimatpfleger – vom Landratsamt Amberg-Sulzbach die Abbrucherlaubnis für das Baudenkmal Obermainshof 1 erteilt.“

              Von einer bauhistorischen Dokumentation des Bauernhauses, das wenigstens die historische Quelle, die das Haus einmal mit all seinen anzunehmenden Umbauphasen dargestellt hat, gesichert hätte, ist übrigens keine Rede. Das Gebäude war das älteste bekannte der nördlichen Oberpfalz, seine wissenschaftliche Dokumentation und Erforschung hätte erheblich zur Kenntnis des Wandels bäuerlicher Lebensverältnisse beitragen können  - hätte!

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              Übrigens: Archäologische Ausgrabungen könnten in beiden Fällen wengstens noch interessante Quellen zu einer möglichen Vorgängerbebauung oder den lebensverhältnissen früherer Bewohner liefern.